02.09.2010 – Katja Kipping, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales
Wichtig ist weiterhin das wohnortnahe Lernen. Freilich – kommen Kindern aus ganz verschiedenen Stadtgebieten, lässt sich das, was im Rahmen der Schule an sozialer Bindung aufgebaut wird, in der Freizeit schwerlich gemeinsam fortsetzen. Gemeinsames Spielen und Sport treiben sind dann ebenso schwer zu realisieren wie Lernpatenschaften.
Wir streiten als LINKE konsequent für die Ganztagsschule. Dafür müssen wir uns oftmals geharnischte Kritik von konservativer Seite anhören, inklusive des Vorwurfes, keine Achtung vor der ach so heiligen Familie zu haben. Abgesehen davon, dass es die ach so heilige Familie wohl so nie gab, darf auch getrost bezweifelt werden, dass die meisten Eltern tatsächlich etwas dagegen hätten, wenn ihren Kinder etwas länger als bis zum Mittag professionellen Bildungs- und Freizeitangebote zugänglich wären. Jedenfalls würde es die Kinder zumindest dem medial vermittelten Verwertungsdruck der Wirtschaft entziehen, welche die leicht beeinflussbare Psyche der Kinder längst als geniales Marketingziel erkannt haben und sie entsprechend gnadenlos ausnutzen.
Wer sich ernsthaft für gute Bildung einsetzen möchte, der muss sich dem Problem annehmen, dass immer mehr Teile des Bildungsbereiches schleichend privatisiert werden und von den Eltern aus eigener Tasche finanziert werden müssen. Gäbe es wieder die Lern- und Lehrmittelfreiheit, gäbe es ein kostenfreies, gesundes Schulessen für alle oder mehr schulische individuelle Fördermaßnahmen, so würde sich das Problem des Schulanteils in den Hartz-IV-Regelsätzen gar nicht so stellen. Hinzu kommt: Von einem solchen Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen würden alle etwas haben, auch die Gering- und Normalverdiener, und der nach unten ausgrenzenden Neiddebatte wäre der Boden entzogen. Gute öffentliche Dienstleistungen sind daher auch hier das Gebot der Stunde.
Dies sind nur einige Dinge, über die es sich gewiss nachzudenken lohnt, statt über die technischen und organisatorischen Feinheiten bei der Einführung eines neuartigen Chipkartensystems zu grübeln.