Kritik an öffentlich-privaten Partnerschaften



Kritik am ppp: Einige ­Er­fah­rung­en aus ­Deutsch­­land­
von Annette Bonzli


Hermann Werle vom Berliner Bündnis gegen ­Privat­­isie­rung­ erläutert "Public Private ­Partner­­ships"

Vortrag von Hermann Werle beim Treffen des European Network for Public Services am 5. und 6. Dezember 2007 in Brüssel

Der Begriff der „­öf­fent­lich­-privaten ­Partner­­schaft­“ meint die ­ver­schiedenen Formen privater ­Kapital­­be­teiligung­ an der ­Finan­zier­ung und Verwaltung von ­Infra­­struk­turen und Leistungen des ­öf­fent­lich­en Sektors. Mit ­ver­trag­lich­en Laufzeiten von 15 bis 25 Jahren wird die ­Verantwort­­ung der ­Be­wirt­schaft­­ung, der Sanierung und des Neubaus ­städ­tischer ­Ein­rich­tung­en an private Konzerne ­über­­tragen. Die Städte zahlen in dieser Zeit Gebühren für die Nutzung der ­Ein­rich­tung­en. Sie zahlen jedoch auch Millionen für ­Be­ratungs­­unter­­neh­men und ­An­walt­­sbüros, die die ­komp­lizier­ten ­Ver­trags­werk­e erstellen. Und sie zahlen auch die Zinsen für das ­ein­ge­setz­te ­In­ves­titions­kapital­, welches von ­Privat­ba­nken bereit gestellt wird.

Zunehmende Kritik an PPP

In Berlin wurde dieses Jahr ein ganzes Bündel dieser PPP verhindert. Insgesamt sollten 19 Schulen von privaten Konzernen gemanagt werden. Aber auch in anderen Städten wie Hannover, Salzgitter, Fürth und Freiburg wurden PPP-Vorhaben dieses Jahr auf Eis gelegt.

Die große Skepsis beruht auf einer Vielzahl schlechter ­Er­fah­rung­en sowie dem Engagement ­privat­­isie­rungs­­kritischer ­­­­­­­­­­­­­­­Initiativen und ­Stel­­lung­­nahmen von ­Rech­nungs­­höfen. Die ­Rech­nungs­­höfe warnten bereits im Mai letzten Jahres „vor ­lang­­frist­­igen­ Risiken“. PPP seien „mittel- und ­lang­­frist­­ig ein ­ge­fähr­lich­­er Weg, weil auch die ­Finan­zier­ungs­­last in die Zukunft verschoben“ wird.

In Bayern konnte bezüglich eines ­Straße­­nbau­­pro­jek­tes der Bayerische Oberste ­Rech­nungs­­hof keine ­Kos­ten­vor­teile für die Kommune ­fest­­stel­­len, „die nicht auch bei ­kon­ven­tionel­ler ­Ver­wirk­lich­­ung erreichbar wären. ­Dem­gegen­­über­ verteuert die private ­Vor­finan­zier­ung die Maßnahmen.“

PPP-Offensive der ­Bundes­­regier­ung

Den wachsenden ­Wider­­stän­den gegen PPP will die ­Bundes­­regier­ung im nächsten Jahr mit einer PPP-Offensive begegnen. Um den Interessen der privaten Bau­wirt­schaft­, der ­Be­ratungs­­unter­­neh­men und der Banken besser gerecht zu werden, ist geplant, die „­Partner­­schaft­en ­Deutsch­­land­ ­Ge­sell­­schaft­“ (PDG) zu gründen. Die PDG soll als ­Kom­petenz­zent­rum die Kommunen bei PPP-Projekten beraten. Damit wird angestrebt, den Anteil von PPP bei ­öf­fent­lich­en ­In­ves­titions­maß­­nahmen von derzeit 3 auf 15 % zu erhöhen. Dieses ist auch das Ziel der privaten Bau­wirt­schaft­, die in den ­Partner­­schaft­en ein ­Markt­­volumen im ­zweis­tel­ligen­ ­Milli­­ar­den­be­reich sieht. Die gesamte Baubranche setzt auf PPP und das aus gutem Grunde: Aufgrund der langen ­Ver­trags­lauf­zeit­en mit den Kommunen von bis zu 25 Jahren ­g­aran­tieren PPP ­lang­­frist­­ig gesicherte Einnahmen und damit ebenso lange sprudelnde Gewinne.

Der Bauriese Hochtief, der 2006 einen ­Jahr­­esum­satz von 16,7 Mrd. Euro ­realisie­rte, gründete für den lukrativen Bereich eigens eine global agierende ­Toch­ter­ge­sell­­schaft­ mit dem Namen „PPP Solutions“. Im ­Ge­schäfts­­be­richt 2006 begrüßt Hochtief das Vorhaben der ­Bundes­­regier­ung, den Anteil der PPP an ­öf­fent­lich­en ­In­ves­titionen auf 15 % anheben zu wollen und bedankt sich zudem für ­Ge­set­zes­än­der­un­gen, die „den Klageweg für ­Um­welt­ver­träg­lich­­keits­­prüfung­en sowie die ­Be­teiligung­ der ­Öf­fent­lich­­keit­ an ­Ge­neh­migungs­­ver­fah­ren“ ­ein­schrän­ken. „Hochtief wird von dieser Neuerung ­pro­fitieren“, werden die ­An­teil­­seig­ner informiert.

Neben PPP-Projekten im ­Flug­hafen­be­reich und ­Autoba­hnbau­ hat sich der Konzern auf Bau- und ­Sanie­rungs­­pro­jek­te sowie die ­Be­wirt­schaft­­ung von Schulen ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­spezialisiert. ­Ins­be­son­dere in ­Groß­­britan­nien und Irland boomt das Geschäft, aber auch in ­Deutsch­­land­ betreibt Hochtief inzwischen in 65 Schulen das ­Ge­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­bäudemanage­ment und verdient auf ­ver­schiedene Weise, wie der ­Ge­schäfts­­be­richt ­ver­an­schaulicht: „Bei PPP-Projekten verdient Hochtief als privater Investor und Betreiber durch Entgelte von Nutzern der ­öf­fent­lich­en Hand, durch Dividenden, Zinsen aus ­Ge­sell­­schafts­­dar­lehen und mögliche ­Ver­kauf­ser­löse.“

Warum schließen Städte PPP-Verträge überhaupt ab?

Die Aus­gangs­­lage in deutschen Städten ist geprägt von knappen ­Finanz­mit­teln, auf deren ­Hinter­­g­rün­de ich hier nicht einzugehen brauche. Hinzu kommt ein gewaltiger ­Sanie­rungs­­be­darf z.B. in den ­staat­lich­en Schulen. Der ­In­ves­titions­be­darf in ­Deutsch­­lands Schulen wird mit 79,3 Mrd. € bis zum Jahr 2009 beziffert.

Beispiel Frankfurt am Main: Hier konnte Hochtief im August vier weitere Schulen ­über­­neh­men. Dies ist ­ver­wun­der­lich­ vor dem ­Hinter­­grund­, dass die Stadt mit ihrem ersten PPP-­Schulp­rojekt ein ziemliches Debakel erlitten hat. Wie nämlich ein ­Revisions­be­richt feststellt, wäre der Bau des ­Bil­dungs­­zent­rums in ­städ­tischer Eigenregie nicht – wie behauptet - 25 % teurer, sondern vier Millionen Euro billiger gewesen.

Eine weitere Kritik formuliert die ­Leh­rer­In­nen ­Ge­werk­­schaft­ GEW: Durch den Vertrag mit Hochtief wird über 20 Jahre lang ein ­un­ver­hält­­nis­mäßig­ hoher Anteil der investiven ­Bil­dungs­aus­gaben von den vier PPP-Schulen ­ver­schlung­en. 12,1 Millionen Euro ­jähr­lich­­er „­Leasing­raten“ – mit steigender Tendenz – würden 17 % bis 36 % des ­Ge­samt­­volumens ausmachen, wodurch die übrigen Schulen und Kitas ­zwangs­­läufig das Nachsehen hätten.

­Frag­wür­dig erscheint den ­Kritiker­In­nen des ­Frank­fur­ter PPP-Projektes auch die ­Be­auf­tragung­ der Berliner ­Be­ratungs­­fir­ma pspc zur Erstellung des PPP-Gutachtens. Damit würde der Bock zum Gärtner gemacht, da keine ­unab­hän­gige, sondern eine von ­Eigen­­inte­­res­sen geleitete Prüfung erfolgt sei. Ein ­Ab­geord­neter brachte diese ­Vor­ge­hens­weise­ in der ­Stadt­­ver­ord­neten­ver­samm­lung­ auf den Punkt: „Nehmen wir einmal an, wir wollten wissen, ob es ratsamer ist, Hamburger oder Falafel zu essen. Würden wir dann mit dem ­ent­spre­­chen­den Gutachten das Institut ‚Pro ­Rindf­­leisch’ ­be­auf­tragen?“

Auch in Berlin war die pspc GmbH (Public Sector ­Par­ticipation Consult) beauftragt, für einen Großteil der ­vor­ge­sehen­en PPP-Schulen ­Wirt­schaft­­lich­­keits­­prüfung­en ­durch­­zu­führen­.

Bei der pspc handelt es sich um eine Aus­g­rün­dung­ der ­Tech­nischen­ ­Uni­ver­sit­ät. Gemeinsam mit der Bau­wirt­schaft­ Berlin-­Bran­den­bur­g gründete pspc bereits 2003 das „­Kom­petenz­zent­rum Public Private ­Partner­­ship“, welches ein Jahr später in das „­Regional­forum PPP Berlin-­Bran­den­bur­g“ (RfBB) aufging.

Dieses Forum hat sich zum Ziel gesetzt, „den PPP-Gedanken in der Region zu verbreiten, politische ­Über­­zeugungs­­ar­beit zu leisten und mögliche PPP-­Pilotp­rojek­te zu evaluieren.“ Um diese Arbeit zum Erfolg zu führen, ­unter­­stüt­zen Sponsoren aus der Bau­wirt­schaft­ - wie die Arikon Gruppe, Bilfinger/Berger und Hochtief - sowie diverse ­An­walt­­skanz­leien das Forum.

Dass unter diesen Umständen der Falafel gegenüber dem Hamburger den Kürzeren zieht, ­über­­rascht natürlich nicht. ­Fol­ge­rich­tig stellt die „­Wirt­schaft­­lich­­keits­­ver­gleich­­srech­nung­“ des pspc für die ­vor­ge­sehen­en Berliner PPP-Schulen bei allen ­Realisie­rungs­alter­­nativen „ein positives Ergebnis zugunsten des PPP-­Be­treibe­rmodells“ fest. Eine kritische ­Über­­prüfung­ der Gutachten ­be­stätig­te indes die ­er­heb­lich­en Zweifel an den ­pro­g­nos­tizier­ten ­Ef­fizienz­ge­win­nen. So sieht der Berliner ­Rech­nungs­­hof „eine ­wirt­schaft­­lich­e ­Vor­teil­­haf­tig­keit­ der ­be­ab­sich­tig­ten PPP-Maßnahme gegenüber einer ­Eigen­­realisie­rung­ (­kon­ven­tionel­le ­Be­schaf­fungs­­varian­te) als nicht aus­reic­hend belegt an.“

Die ­Be­schaf­fungs­­varian­ten­ver­gleich­e für die Maßnahmen in den drei Bezirken würden nur ­Ein­spar­quoten von 5,3 bzw. 6,6 % ausweisen. „Diese Quoten hält der ­Rech­nungs­­hof angesichts eines Zeitraums von 25 Jahren für zu gering, zumal die zugrunde liegenden Annahmen ­ein­schlie­ß­lich­ ­Kal­kulations­zins­satz sehr unsicher sind.“

Muß die ­öf­fent­lich­e Hand ­kon­kur­rieren? Müssen ­Kran­ken­häuser, ­Was­serb­et­riebe und Schulen in den Wettbewerb gedrängt werden?

Das Scheitern der geplanten PPP-Projekte ist sehr begrü­­ßens­wert, hat jedoch einen Haken. Dieser Haken findet sich in der ­Ar­gumen­tation, die sich lediglich auf ­finan­ziel­le Aspekte stützt.

­Haus­­halt­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­spolitische und ­be­triebs­wirt­schaft­­lich­e ­Be­trach­tungs­­weisen dominieren bei dem Abwägen von Vor- und Nachteilen im gesamten ­Privat­­isie­rungs­­ge­schehen. Das Motto „­Kon­kur­rieren statt ­Privat­­isie­ren“ wird innerhalb deutscher ­Ge­werk­­schaft­en ebenso diskutiert, wie bei den ­Finanz­ver­walt­­un­gen. ­Schlie­ß­lich­ könne die ­öf­fent­lich­e Hand genauso ­Ein­sparung­en erzielen wie die ­Privat­­wirt­schaft­.

Dem ist jedoch entgegen zu halten, dass eine marode gesparte ­öf­fent­lich­e Hand im Resultat keinen ­Unter­­schied zum ­privat­­wirt­schaft­­lich­en Geschäft macht. Denn gespart wird so oder so bei den ­Be­schäf­tig­ten und zu Lasten von Qualität.

Ein Blick nach ­Groß­­britan­nien zeigt, dass die ­privat­­wirt­schaft­­lich­e ­Be­wirt­schaft­­ung von Schulen auch direkt in den ­Schulall­­tag ­hinein­wirkt. Im Musterland für ­partner­­schaft­­lich­e Projekte haben PPP-Schulen ­reihen­weise­ schlechte ­Er­fah­rung­en machen müssen. Abgesehen davon, dass auch dort von ­Kos­tenein­sparung­ keine Rede sein kann, beklagen ­Leh­rer­in­nen und Lehrer ­Konst­­ruk­tions­feh­ler, Bau­ver­zöge­rung­en und Baumängel, die sich ­un­mit­telbar auf den Unterricht auswirken. Zu kleine ­Räum­lich­­keit­en, undichte Dächer, schlechte ­Ven­tilation und ­über­­hitz­te ­Klas­sen­zimmer­ gehören dabei eher zum Standard als zu den Ausnahmen.

Eine andere ­Ent­wick­lung­ ist in ­Groß­­britan­nien ebenfalls zu beobachten: PPP-Projekte, die sich zunächst auf die ­Ge­bäudebe­wirt­schaft­­ung ­be­schränk­ten, weiten sich inzwischen auf das Schul- und ­Bil­dungs­­manage­ment aus. Dazu gehört das ­ge­mein­­schaft­­lich­e Festlegen von ­Bil­dungs­­stand­­ards und deren Messung.

Anstelle der Ausweitung ­wett­be­werb­lich­­er ­Mec­hanis­men sollte also ein Umdenken einsetzen wie es Uwe ­Janus­zews­ki, ­Vor­sit­zen­der des ­Haupt­per­sonal­rats des Landes Berlins, ­for­mulier­te: „Der Tendenz zum Ausverkauf des Staats setzen wir ein ­Das­ein­svor­sorge­­kon­zept entgegen, das den ­Ge­sell­­schafts­­zu­sam­men­halt fördert. Die Alter­­nativen zu PPP sind weiterhin: ­Eigen­­er­stel­­lung­ der Leistung. Hierzu muss eine ­Schwer­punkt­­ver­lage­rung­ in den ­Finan­zhaus­­hal­ten hin zu mehr ­In­ves­titionen erfolgen.“

Fazit

* An PPP verdienen Banken, Berater und Konzerne, denn für kleine und mittlere ­Unter­­neh­men sind die Happen zu groß und die Konkurrenz zu mächtig und die ­Kapital­­märkte­ zu weit weg!
* Bezahlt wird PPP von der ­Ge­sell­­schaft­: als ­Ver­brauche­­rIn­nen, ­Steuer­zah­ler­In­nen und ­Be­schäf­tig­te! Die einzigen ­Ein­sparung­en, die von den Konzernen zur ­Pro­fit­steig­er­ung ­durch­­ge­setzt werden, gehen zu Lasten der Qualität der Bau­maß­­nahmen und ­Ser­viceleis­tung­en und bedeuten für die ­Be­schäf­tig­ten Arbeits­­ver­dich­tung­ und ­Lohn­­sen­kung­en!
* Da PPP nur von großen Konzernen betrieben werden können, ist die lokale Bau­wirt­schaft­ des ­Mit­tel­stand­es lediglich über ­Sub­miss­­ions­ver­träge ­ein­ge­bun­den. Das bedeutet für die regionalen Handwerker mit Arbeits­­plät­zen vor Ort, dass sie von den ­Groß­­unter­­neh­men total abhängig und damit erpressbar werden. Könnten die Kommunen diese Aufträge an die regionalen ­Hand­­werk­­sbe­triebe vergeben, würden ­tat­säch­lich­ Arbeits­­plät­ze geschaffen und den Gemeinden geholfen. Das wäre auch eine echte Förderung des ­Mit­tel­stands, von der die Parteien sonst immer nur reden.
* PPP ist auch kein Mittel zur ­Stabilisie­rung­ der ­öf­fent­lich­en Kassen – PPP ist eine dauerhafte Belastung, bzw. versteckte ­Kreditauf­nahme­, die in den ­Haus­­halts­­büc­hern nur anders verbucht werden! Die ­Ver­schleier­ung der ­Ver­schul­dung­ ist der einzige Vorteil der Kommunen und ihrer Politiker.
* Der Diskussion „­Kon­kur­rieren statt ­Privat­­isie­ren“ muss der Erhalt und die ­Verbesser­­ung der sozialen ­Infra­­struk­turen ­ent­gegen­­ge­hal­ten werden.
* PPP ist keine ­Finan­zier­ungs­alter­­native, sondern ein ­privat­­wirt­schaft­­lich­es ­Markt­­seg­ment, mit dem ­or­dent­lich­e Renditen erzielt werden!